Leser für Leser aus Döbern-Land

Klaus-Bernd Günther – Eine neue Heimat in der Wolfsschlucht

| Keine Kommentare | Artikel Drucken

Günther_PorträtSogar das Fernsehen war schon zu Gast. Das mag in Zeiten, in denen sich das Dschungelcamp die Tagessiege bei den Quotenvergleichen sichert, zwar nicht unbedingt ein Qualitätsmerkmal sein. Im Fall von Klaus-Bernd Günther aber hat die mediale Aufmerksamkeit ihre Berechtigung. Im Jahr 2011 wird das LausitzTV für einen Vier-Minuten-Streifen über den Ziegenwirt sogar mit dem deutschen Regionalfernsehpreis ausgezeichnet.

Günther_Ziegenhof

Mit dem Ziegenhof hat sich die Familie Günther einen Traum erfüllt. Er lädt am Oder-Neiße-Radweg zu einer gemütlichen Rast ein.

Es lohnt sich, in die Abgeschiedenheit Pusacks einzutauchen, dem „kleinen Nest hier“ in der Gemeinde Neiße-Malxetal. Da, wo man einen Vier-Kilometer-Marsch hinlegen muss, um Nachbarn einen schönen Tag wünschen zu können. Da, wo einen Füchse beim Spaziergang wie zu gut dressierte Hunde durch die Landschaft begleiten. Tiefste Lausitz. Malerisch. Verträumt. Nur 14 Häuser stehen in dieser geräuschlosen Kulisse. Eines davon bewohnt Klaus-Bernd Günther mit seiner Frau. In der Einfahrt parkt ein kleiner VW-Transporter. Auf der Kofferraumklappe prangt ein Aufkleber mit der Aufschrift „Liebe soll regieren“. Ein Regisseur hätte diese harmonische Szenerie nicht besser gestalten können.

Und da sitzt der 70-jährige Ostfriese nun auf seinem Dachboden, den er mit E-Gitarre, Zeitungsartikeln und Herr-der-Ringe-DVDs zu seinem persönlichen Exil hergerichtet hat, und referiert mit dem Zungenschlag seiner Heimat über seine Wahlheimat. „Dieses Naturbelassene findet man sonst nicht mehr.“ Keine Zweifel, vielleicht doch zu weit ab zu sein vom Schuss? „Man wohnt bewusst hier. Wenn man hier wohnt, will man hier nicht weg.“ Diese heile Welt mit telefonloser Intimität anstatt Großstadtlärm und Hektik „ist wie in meiner Kindheit im Auenland“.

In Niedersachsen wächst Klaus-Bernd Günther auf, er beginnt mit 14 Jahren eine Kaufmannslehre  und später arbeitet er in der Verwaltung einer Energieversorgungsfirma. So richtig gefunden hatte sich Klaus-Bernd Günther aber noch nicht. „Ich bin da mehr oder weniger durchs Leben gestolpert.“ Heute aber sitzt da eine aufgeräumte, intelligente Person im Stuhl, die bestimmt und dennoch demütig von dem erzählt, was sie erreicht hat. Erst nach der Scheidung von seiner ersten Frau lernt er, sich zu orientieren. „Es waren viele kleine Schritte, die mich zu dem gemacht haben, was ich heute bin“, sagt Günther und zitiert ein chinesisches Sprichwort: „Fehler sind die Treppe zur Weisheit.“ Auf dem zweiten Bildungsweg holt er mit 48 Jahren das Abitur nach, studiert Sozialpädagogik und laboriert an einer Diplomarbeit zum Jugendhilfegesetz. Diese hat den siebenfachen Vater nach der Wende auch in die Lausitz geführt. Mit den Standpunkten, die er vertritt, „habe ich hier offene Türen eingerannt“. Von 1991 an folgt ein bald zehnjähriges Engagement beim damaligen Landkreis Forst. „Ich bin hergekommen wegen meiner Neugier. Das war eine spannende Zeit“, denn im Westen blieb Günther meist schwanger mit seinen Ideen. „Hier aber konnte man seinen Senf dazugeben und etwas bewegen.“ Während dieser Zeit gründet der umtriebige Jugendarbeiter auch den NIX-Verein. Günther ist der erste Vorsitzende besagter Vereinigung, die in Forst noch heute die „soziokulturelle Multiarbeit im Jugendbereich“ voranzutreiben versucht. Er bildet Pädagogen aus und hilft jungen Menschen mit Gewissenskonflikten in die Spur. „Es geht darum, jeden Menschen zu akzeptieren.“ Das Credo seiner persönlichen Arbeit ist es nicht, schwierige Menschen auszugrenzen, sondern sich so mit ihnen auseinanderzusetzen, dass sie es irgendwann besser wissen. Günther verzichtet sogar auf Teile des Gehalts, um authentisch zu bleiben. „Ich wollte immer auf Augenhöhe mit den Leuten arbeiten.“

Günther_Ziegen

Klaus-Bernd Günther im Kreis seiner Ziegen, bei denen er neue Herausforderungen gefunden hat

Mit Menschen arbeitet er heute zwar nicht mehr. Doch kann man sich vorstellen, dass er die weißen deutschen Edelziegen auf seinem Ziegenhof nicht mit weniger Respekt behandelt. Als hätten seine bisherigen Erfahrungen nicht ohnehin schon für mehrere Lebensläufe ausgereicht, betreibt der Vorsitzende des Dorfklubs seit 2005 gemeinsam mit seiner Frau auch noch den Ziegenhof „Zur Wolfsschlucht“. „Da war wieder diese Neugier. Wir hatten beide keine Ahnung, aber minus und minus ergibt halt plus.“ Mittlerweile gehört seine Käserei mit perfekter Anbindung zum Oder-Neiße-Radweg zu den bekanntesten Gaststätten in Döbern-Land. Es gibt Käseteller, Dinkelbrot, Weiß- und Roséwein aus der Region sowie Rotwein, den Günther und seine Frau von Freunden direkt aus den Weinbergen Frankreichs zugestellt bekommen. Und so kann es schon mal vorkommen, dass jemand bei Günther durchklingelt und sagt: „Du Klaus, ich habe da ein Problem mit eurem Wein – ich habe nur noch zwei Flaschen.“ Von März bis Oktober öffnet der Ziegenhof seine Pforten und bietet so die Möglichkeit, Klaus-Bernd Günther auch persönlich kennenzulernen – und zwar nicht nur aus dem Fernsehen.

Autor: Steven Wiesner (Cottbus)

Hinterlasse eine Antwort

Pflichtfelder sind mit * markiert.